Ein ehrlicher Vergleich mit der Hormonersatztherapie
So lautet, sinngemäß, eine der häufigsten Suchanfragen zu diesem Thema. Der Wunsch dahinter ist verständlich: Jemand soll die Arbeit gemacht haben, jemand soll wissen, was funktioniert, und am Ende steht eine Empfehlung, der man folgen kann.
Diesen Testsieger wirst Du hier nicht finden. Weiter unten steht, warum es ihn in diesem Feld nicht geben kann. Vorher lohnt sich ein Blick auf einen Begriff, der fast überall falsch verwendet wird.
Was „pflanzliche Hormone" tatsächlich sind
Der Ausdruck legt nahe, dass bestimmte Pflanzen Hormone enthalten, die im Körper dieselbe Arbeit verrichten wie körpereigenes Östrogen. Gemeint sind in Wirklichkeit Phytoöstrogene: sekundäre Pflanzenstoffe, deren Molekülbau dem Östradiol ähnelt.
Diese Ähnlichkeit reicht aus, um an Östrogenrezeptoren anzudocken, bevorzugt am Rezeptortyp Beta. Die Bindungsstärke liegt allerdings um ein Vielfaches unter der von körpereigenem Östrogen – je nach Substanz um den Faktor hundert bis tausend. Ein Phytoöstrogen ist also ein sehr schwaches Signal an derselben Stelle.
Praktisch heißt das zweierlei. Die Wirkung ist mild und braucht Zeit. Und der Ausdruck „pflanzliche Hormonersatztherapie" beschreibt etwas, das es so nicht gibt: Ein Ersatz im Wortsinn findet hier nicht statt.
Zu den Phytoöstrogenen zählen die Isoflavone aus Soja und Rotklee, die Lignane aus Leinsamen und Vollkorn sowie die Coumestane aus Hülsenfrüchten. Die Traubensilberkerze wird oft in dieselbe Reihe gestellt, gehört aber nicht dazu – sie wirkt über andere Wege, die bis heute nicht abschließend geklärt sind.
Was die Hormonersatztherapie tut – und wie ich sie einschätze
Bei einer Hormonersatztherapie wird zugeführt, was der Körper zurückfährt: Östradiol, in der Regel kombiniert mit einem Gestagen. Das wirkt schnell und deutlich, besonders auf Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen. An dieser Wirksamkeit gibt es fachlich wenig zu deuteln, und die aktuelle Leitlinie empfiehlt sie bei ausgeprägten Beschwerden entsprechend.
Meine Einschätzung fällt zurückhaltender aus, und ich schreibe sie hier als das, was sie ist: eine Position, keine Tatsachenbehauptung.
Der Körper befindet sich in den Wechseljahren in einem geordneten Umbau. Er stellt seine Regelkreise auf ein neues Niveau ein, und dieser Vorgang braucht Zeit. Wird von außen zugeführt, läuft der Umbau währenddessen langsamer ab, wird gestört, oder pausiert. Viele Frauen erleben das beim Absetzen: Die Beschwerden kommen zurück, weil die Umstellung noch aussteht. Aus meiner Sicht bleibt eine Hormonersatztherapie deshalb die Wahl für Situationen, in denen der Leidensdruck sehr hoch ist und nichts anderes trägt.
Dazu kommen die bekannten Risiken, über die seit der Women's-Health-Initiative-Studie diskutiert wird: ein leicht erhöhtes Brustkrebs- und Thromboserisiko bei der Kombinationstherapie. Die Größenordnung ist begrenzt und hängt stark von Alter, Präparat und Dauer ab. Trotzdem gehört sie in die Abwägung.
Wenn Du überlegst, sprich mit Deiner Ärztin, und triff die Entscheidung mit den Zahlen für Deine Situation. Dieser Artikel liefert die andere Seite der Abwägung.
Warum es hier keinen Testsieger geben kann
Drei Gründe stehen dem entgegen.
Erstens vergleichen die vorhandenen Studien jeweils ein Präparat mit einem Scheinpräparat. Kopf-an-Kopf-Vergleiche zwischen pflanzlichen Mitteln gibt es kaum. Aus lauter Einzelvergleichen lässt sich seriös keine Rangliste bauen.
Zweitens ist der Placeboeffekt bei Hitzewallungen ungewöhnlich hoch. In vielen Untersuchungen gehen die Beschwerden auch in der Scheingruppe um zwanzig bis dreißig Prozent zurück. Ein Mittel muss diese Marke erst einmal überbieten, und die Unterschiede, um die es dann geht, sind klein.
Drittens reagieren Frauen unterschiedlich, und dafür gibt es einen gut belegten Grund. Das Isoflavon Daidzein aus der Sojabohne entfaltet seine stärkste Wirkung erst, wenn Darmbakterien es in Equol umwandeln. Diese Bakterien besitzt in Europa nur etwa jede dritte Frau. Wer zu dieser Gruppe gehört, spricht auf Soja-Isoflavone deutlich besser an als der Rest – bei identischer Einnahme.
Eine Rangliste unterstellt Vergleichbarkeit, die es in diesem Feld nicht gibt. Nützlicher ist die Frage, welches Mittel zu welcher Konstellation passt.
Wo die einzelnen Pflanzen tatsächlich stehen
Ein knapper Überblick über die gängigen Kandidaten. Zu den meisten findest Du hier eigene Artikel mit der ausführlichen Einordnung.
Soja-Isoflavone haben unter allen pflanzlichen Mitteln die beste Datenlage bei Hitzewallungen. Der Effekt ist moderat und baut sich über etwa zwölf Wochen auf. In Deutschland werden sie kulturell mit Misstrauen betrachtet, was sich mit der Studienlage schwer begründen lässt (mehr dazu).
Rotklee wird häufig als die bessere Alternative zu Soja beworben. Die Untersuchungen dazu fallen uneinheitlicher aus als bei Soja (mehr dazu).
Die Traubensilberkerze gehört zu den am besten untersuchten Pflanzen überhaupt. Die Ergebnisse gehen auseinander, für einzelne standardisierte Spezialextrakte liegen positive Studien vor. Ihr Wirkweg führt vermutlich über das Nervensystem statt über Östrogenrezeptoren.
Mönchspfeffer wirkt über den Prolaktinspiegel und ist damit vor allem in der Zeit sinnvoll, in der der Zyklus noch läuft (mehr dazu).
Die Yamswurzel wird als pflanzliches Progesteron verkauft. Diese Umwandlung findet im menschlichen Körper nicht statt (mehr dazu).
Das Prinzip der Rezeptur
Hier liegt für mich der interessanteste Unterschied zwischen westlicher und chinesischer Kräuterheilkunde, und er erklärt zugleich, warum die Studienlage so aussieht, wie sie aussieht.
Die chinesische Medizin verschreibt seit ihren Anfängen Rezepturen, im Chinesischen Fang. Sie sind nach einem festen Bauplan aufgebaut: Jun, Chen, Zuo, Shi – König, Minister, Assistent und Bote. Der König gibt die Richtung vor. Der Minister verstärkt ihn. Der Assistent gleicht aus, was der König an unerwünschter Wirkung mitbringt. Der Bote lenkt die Rezeptur an den Ort, an dem sie greifen soll.
Der Gedanke dahinter passt zu dem, was Frauen in dieser Zeit beschreiben. Hitzewallungen kommen selten allein. Dazu gehören Schlaf, Stimmung, Verdauung, Antrieb. Ein Mittel mit einem einzigen Wirkweg deckt davon einen Ausschnitt ab.
Diese Denkweise hat einen Preis, und den nenne ich hier gleich mit: Eine Rezeptur aus sechs Pflanzen lässt sich mit den Werkzeugen der westlichen Studienmethodik nur schwer prüfen. Untersucht wird jeweils eine Substanz gegen ein Scheinpräparat. Ein abgestimmtes Ganzes fällt durch dieses Raster. Die dünne Studienlage zu Kombinationen sagt deshalb wenig darüber aus, ob sie wirken – sie sagt etwas darüber, wie schwer sie zu messen sind.
Wechseljahre ohne Hormone: wie ein Weg aussehen kann
Wenn Du Dich gegen eine Hormonersatztherapie entscheidest oder sie für Dich nicht in Frage kommt, lohnt sich ein anderer Zuschnitt der Erwartung.
Rechne in Wochen. Pflanzliche Begleitung entfaltet sich langsam, und sechs bis acht Wochen sind ein realistischer Zeitraum, bevor sich beurteilen lässt, ob etwas zu Dir passt.
Bleib bei einer Sache. Wer alle drei Wochen wechselt, sammelt nur Erfahrungen mit dem Wechseln.
Nimm den Alltag dazu. Schlafrhythmus, warme Mahlzeiten, Bewegung und das Maß an Dauerspannung entscheiden mit darüber, wie viel ein Mittel überhaupt ausrichten kann.
Und beobachte in Schritten. Ein einfacher Beschwerdekalender mit drei Zeilen – Hitzewallungen pro Tag, Schlaf, Stimmung – zeigt Dir nach zwei Monaten mehr als jedes Gefühl im Rückblick.
Zum Schluss
Die ehrliche Antwort auf die Testsieger-Frage lautet: Die Rangliste, nach der gesucht wird, existiert nicht. Was existiert, sind Pflanzen mit unterschiedlichen Wirkwegen, eine Studienlage mit klaren Grenzen und die Erfahrung von Jahrhunderten mit abgestimmten Kombinationen.
Daraus lässt sich ein Weg bauen, der zu Dir passt. Er dauert länger als ein Rezept und hält dafür über die ganze Zeit.
Über den Autor
Mourad Bihman
Heilpraktiker seit 2002 und hat Chinesische Medizin in Europa und Asien studiert. Über fünfzehn Jahre eigene Praxis in Berlin, dazu Tätigkeit als Ausbilder und Seminarleiter für Chinesische Medizin. Er lebt mit Rasa Loga in der Lauenburgischen Seenlandschaft und ist Mitinhaber einer Manufaktur für pflanzliche Extrakte und Tinkturen.
Transparenzhinweis: Ich stelle mit den Mondkräutern selbst zwei Kräuterbitter her, in denen unter anderem Mönchspfeffer und Frauenmantel enthalten sind. Ich schreibe hier also auch über Pflanzen, die in meinen eigenen Rezepturen vorkommen. Ich halte es für richtig, dass Du das weißt, wenn Du meine Einschätzungen liest.
Quellen
- Deutsche Menopause Gesellschaft: Menopause – Übersicht. menopause-gesellschaft.de/menopause-übersicht
- Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Wechseljahre und Hormontherapie.
- Verbraucherzentrale: Rotklee-Isoflavone für die Menopause?
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Isolierte Isoflavone sind nicht ohne Risiko.
- Bensky D, Barolet R: Chinese Herbal Medicine – Formulas & Strategies. 2. Auflage, Eastland Press, Seattle 2009.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende Dich bitte an Deine Ärztin oder Deinen Arzt.