Mönchspfeffer gehört zu den meistgesuchten Pflanzen rund um die Wechseljahre. Die Texte dazu ähneln sich: Hormonpflanze, Frauenkraut, bringt den Haushalt ins Gleichgewicht.
Dabei bleibt fast immer eine Unterscheidung weg, die über alles entscheidet — nämlich in welcher Phase Du gerade bist. Mönchspfeffer greift an einer sehr bestimmten Stelle an, und diese Stelle steht nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung.
Wie Mönchspfeffer arbeitet
Die Inhaltsstoffe des Mönchspfeffers binden an Dopamin-Rezeptoren vom Typ D2 in der Hirnanhangsdrüse. Dort steuert Dopamin die Ausschüttung von Prolaktin, jenem Hormon, das vor allem aus der Stillzeit bekannt ist. Wird der Dopamin-Weg angeregt, sinkt der Prolaktinspiegel.
Das hat Folgen weiter unten in der Kette. Ein leicht erhöhter Prolaktinspiegel stört das Zusammenspiel von FSH und LH und schwächt damit die zweite Zyklushälfte — die Phase, in der der Gelbkörper Progesteron bildet. Sinkt das Prolaktin, kann sich diese Phase wieder stabilisieren.
Der ganze Wirkweg läuft also über die Achse Gehirn–Eierstock. Er setzt voraus, dass am unteren Ende dieser Achse etwas ist, das antworten kann.
Ein Detail dazu, das selten erwähnt wird: Prolaktin reagiert empfindlich auf anhaltende Anspannung und auf Schlafmangel. Ein leicht erhöhtes Niveau findet sich deshalb auch bei Frauen, bei denen hormonell sonst nichts auffällt. Das erklärt, warum sich die Bilder häufig überlagern — angespannte Monate, ein kürzerer Zyklus, empfindliche Brüste. Und es erklärt, warum dieselbe Pflanze bei zwei Frauen im gleichen Alter unterschiedlich ankommt.
Warum der Zeitpunkt über alles entscheidet
Hier liegt der Punkt, den kaum ein Text macht.
Solange Dein Zyklus noch läuft, ist diese Achse aktiv. In der Prämenopause und der frühen Perimenopause fällt typischerweise zuerst das Progesteron ab, während Östrogen noch hoch bleibt und schwankt. Genau in dieser Konstellation hat Mönchspfeffer etwas, woran er ansetzen kann: Spannungsgefühl in der Brust, ausgeprägtes Prämenstruelles Syndrom, ein Zyklus, der aus dem Takt gerät.
Mit fortschreitender Perimenopause verändert sich die Lage. Es reifen weniger Follikel heran, Gelbkörperphasen fallen ganz aus. In der Postmenopause gibt es keinen Gelbkörper mehr, den ein niedrigerer Prolaktinspiegel unterstützen könnte. Der Hebel bleibt zwar erhalten — er greift nur ins Leere.
Deshalb ist die verbreitete Empfehlung „Mönchspfeffer in den Wechseljahren" zu grob. Ob er etwas beitragen kann, hängt daran, wo in diesen Jahren Du stehst und welche Beschwerden im Vordergrund stehen.
Was „hormonregulierend" hier bedeutet
Über Mönchspfeffer liest man ständig, er reguliere den Hormonhaushalt. Das Wort legt nahe, die Pflanze erkenne, was gerade fehlt, und gleiche in die passende Richtung aus.
Tatsächlich tut sie eine einzige Sache: Sie dämpft die Ausschüttung eines Hormons. Alles Weitere ergibt sich stromabwärts daraus. Ein Regler in eine Richtung also, kein Sensor, der die Lage beurteilt.
Diese Genauigkeit lohnt sich, weil daran hängt, für wen die Pflanze taugt. Ein Regler hilft, wenn er in die Richtung zeigt, in die es bei Dir gehen soll. Bei einer anderen Ausgangslage bewegt er entweder nichts oder das Falsche.
Wofür er zugelassen ist
Ein guter Prüfstein bei Heilpflanzen ist die Frage, wofür ein Arzneimittel mit dieser Pflanze tatsächlich zugelassen wurde. Bei Mönchspfeffer sind das:
Prämenstruelles Syndrom. Spannungs- und Schwellungsgefühl in der Brust. Unregelmäßigkeiten im Regeltempo, etwa nach dem Absetzen der Pille.
Wechseljahresbeschwerden stehen in dieser Aufzählung nicht. Sie werden in der Fachliteratur als weiteres mögliches Anwendungsgebiet genannt, eine Zulassung dafür gibt es nicht. Das ist kein Beweis für Unwirksamkeit, es ist eine Aussage über die Datenlage — und es passt genau zu dem, was der Wirkweg erwarten lässt.
Auffällig ist außerdem die Anwendungsdauer. Fertigarzneimittel werden üblicherweise über mindestens drei Monate täglich und ohne Unterbrechung eingenommen. Wer nach zwei Wochen aufhört, hat den Wirkweg nie in Gang gebracht.
Was das für Dich praktisch heißt
Wenn Dein Zyklus noch kommt, wenn auch unregelmäßig, und Brustspannen, Reizbarkeit oder verstärkte prämenstruelle Beschwerden Dein Hauptthema sind: Dann ist Mönchspfeffer ein sinnvoller Versuch. Plane drei Monate ein und nimm ihn täglich.
Wenn Deine letzte Blutung über ein Jahr zurückliegt und Hitzewallungen oder Schlafstörungen im Vordergrund stehen: Dann führt dieser Wirkweg an Deinem Thema vorbei. Andere Pflanzen passen dort besser (mehr dazu).
Und wenn Du unsicher bist, in welcher Phase Du gerade bist, hilft ein Blick in den Artikel über die Phasen der Wechseljahre — vor allem der Zykluskalender, der darüber mehr sagt als jede Blutabnahme.
Für den Versuch selbst haben sich zwei Dinge bewährt. Notiere vorher in drei Zeilen, was Dich am meisten stört, und schau nach zwölf Wochen auf dieselben drei Zeilen. Im Rückblick verwischt die Erinnerung, und gerade bei langsam wirkenden Pflanzen entscheidet dieser Vergleich darüber, ob Du eine Veränderung überhaupt bemerkst.
Und behalte im Blick, dass die zweite Zyklushälfte in diesen Jahren ohnehin von Monat zu Monat schwankt. Ein guter Monat beweist wenig, ein schlechter ebenso. Erst der Verlauf über ein Vierteljahr ergibt ein Bild.
Der Blick der chinesischen Medizin
Mönchspfeffer gehört nicht zum klassischen Arzneischatz der chinesischen Medizin. Interessant wird es trotzdem, denn seine Pflanzengattung kommt dort sehr wohl vor.
Man Jing Zi, die getrocknete Frucht von Vitex trifolia, ist eine anerkannte Arznei der chinesischen Materia Medica. Sie gilt als leicht kühl, scharf und bitter, wirkt auf die Leitbahnen von Blase, Leber und Magen und wird als leicht und aufsteigend beschrieben — sie trägt ihre Wirkung nach oben zum Kopf. Eingesetzt wird sie bei Kopfschmerzen, Schwindel und geröteten oder verschwommenen Augen.
Dieselbe Pflanzengattung, ein vollkommen anderer Einsatz. In China dient sie dem Kopf, in Europa dem Zyklus. Das zeigt gut, wie sehr die Zuordnung einer Pflanze von der Denktradition abhängt, in der man steht.
Der zweite Unterschied liegt in der Frage selbst. Die westliche Ratgeberliteratur fragt: Welche Pflanze gegen welches Symptom? Die chinesische Medizin fragt zuerst, welches Muster dahintersteht — Leber-Qi, das sich staut, oder Nieren-Yin, das nachlässt —, und stellt dann eine Rezeptur zusammen, in der mehrere Pflanzen sich gegenseitig ergänzen und ausgleichen. Ein Kraut mit einem einzigen, schmalen Hebel steht dort selten allein.
Woher der Name kommt
Eine Randnotiz, die zur Ehrlichkeit dieses Textes passt. Die deutschen Namen Mönchspfeffer und Keuschlamm und das lateinische Agnus castus stammen aus dem Klosterleben. Die Früchte wurden dort verwendet, um das Verlangen zu dämpfen, und schmecken tatsächlich pfeffrig.
Der Name verweist also auf eine Anwendung, die mit der heutigen wenig zu tun hat. Er sagt nichts über die Wirkung bei Zyklusbeschwerden aus — und trägt trotzdem einen Gutteil der Aura mit, die diese Pflanze bis heute umgibt.
Zum Schluss
Mönchspfeffer ist eine gut untersuchte Pflanze mit einem klar beschriebenen Wirkweg. Dieser Wirkweg ist eng, und er ist an Bedingungen geknüpft: eine Achse, die noch antwortet, und Beschwerden, die zur zweiten Zyklushälfte gehören.
Wer das weiß, kann eine sinnvolle Entscheidung treffen. Wer nur liest, dass Mönchspfeffer bei Wechseljahren hilft, probiert ihn womöglich in einer Phase, in der er strukturell wenig ausrichten kann — und schließt daraus, Pflanzenheilkunde bringe nichts. Das wäre der falsche Schluss aus dem richtigen Erlebnis.
Über den Autor
Mourad Bihman
Heilpraktiker seit 2002 und hat Chinesische Medizin in Europa und Asien studiert. Über fünfzehn Jahre eigene Praxis in Berlin, dazu Tätigkeit als Ausbilder und Seminarleiter für Chinesische Medizin. Er lebt mit Rasa Loga in der Lauenburgischen Seenlandschaft und ist Mitinhaber einer Manufaktur für pflanzliche Extrakte und Tinkturen.
Transparenzhinweis: Ich stelle mit den Mondkräutern selbst zwei Kräuterbitter her, in denen unter anderem Mönchspfeffer und Frauenmantel enthalten sind. Ich schreibe hier also auch über Pflanzen, die in meinen eigenen Rezepturen vorkommen. Ich halte es für richtig, dass Du das weißt, wenn Du meine Einschätzungen liest.
Quellen
- European Medicines Agency, HMPC: Assessment report on Vitex agnus-castus L., fructus (Revision 1).
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Vitex agnus-castus L., fructus (Revision 1).
- PharmaWiki: Mönchspfeffer – Wirkmechanismus über Dopamin-D2-Rezeptoren und Prolaktin, Anwendungsdauer.
- Bensky D, Clavey S, Stöger E: Chinese Herbal Medicine – Materia Medica. 3. Auflage, Eastland Press, Seattle 2004.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende Dich bitte an Deine Ärztin oder Deinen Arzt.