Rotklee, Soja & Co. – was die Wissenschaft über Phytoöstrogene wirklich sagt

Von Mourad Bihman

In deutschen Drogerien steht Rotklee im Regal für die Wechseljahre, meist beworben als sanfte, europäische Alternative. Soja dagegen begegnet vielen Frauen mit einem Beigeschmack von Warnung — irgendetwas mit Hormonen, irgendetwas mit Brustkrebs.

Die Studienlage ordnet die beiden anders ein, als dieses Bauchgefühl es tut. Und die Wahrheit dahinter ist unbequem für beide Lager.

Dieselben Stoffe, ein Umweg

Rotklee und Soja gehören beide zu den Hülsenfrüchtlern, und beide enthalten Isoflavone — jene Phytoöstrogene, die sich schwach an Östrogenrezeptoren binden (mehr dazu).

Der Unterschied liegt in der Form. Soja liefert Daidzein und Genistein direkt. Rotklee enthält stattdessen Formononetin und Biochanin A, aus denen der Körper erst Daidzein und Genistein macht.

Rotklee ist damit ein Umweg zu denselben Endstoffen. Das ist der erste Grund, warum die Werbeaussage von der besseren Alternative schwer zu begründen ist: Am Ziel steht dieselbe Substanzklasse.

Was die Studien zu Rotklee zeigen

Die Verbraucherzentrale fasst es knapp zusammen: Die bisher veröffentlichten Studien zu Rotklee konnten keine eindeutigen Beweise für vorteilhafte Wirkungen vorlegen. Für Hitzewallungen und andere Wechseljahresbeschwerden fehlen belastbare Nachweise.

Regulatorisch liegen die Rotklee-Aussagen auf der sogenannten On-hold-Liste der EU — eingereicht, aber bis heute nicht bewertet. Deshalb dürfen sie in einer Grauzone weiterverwendet werden, was den Eindruck erzeugt, sie seien geprüft worden.

Was die Studien zu Soja zeigen

Bei Soja ist die EU einen Schritt weiter, und das Ergebnis fällt ebenfalls ernüchternd aus. Die EFSA prüfte die Aussagen und sah keinen Nutzen belegt; seit 2011 sind sie untersagt.

Hier lohnt eine Unterscheidung, die selten gemacht wird. Eine abgelehnte Zulassung bedeutet, dass die Nachweise für eine verbindliche Aussage nicht ausreichen. Sie bedeutet nicht, dass jede Untersuchung negativ ausgefallen wäre.

Tatsächlich liegen zu Soja-Isoflavonen mehr kontrollierte Studien vor als zu jeder anderen pflanzlichen Option bei Hitzewallungen, und ein Teil davon findet moderate Effekte — besonders bei genisteinreichen Zubereitungen und über einen Anwendungszeitraum von etwa zwölf Wochen. Die Ergebnisse gehen weit genug auseinander, dass die Behörde daraus keine Aussage ableiten wollte.

Ehrlich zusammengefasst: Soja hat unter den pflanzlichen Mitteln die umfangreichste Datenlage und trotzdem keine belastbare Wirkzusage. Rotklee hat beides nicht.

Der deutsche Soja-Verdacht

Bleibt die Sorge, die den Ruf von Soja hierzulande prägt: der Zusammenhang mit hormonabhängigem Brustkrebs.

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums beschreibt die Lage differenziert. Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass ein höherer Sojakonsum das Rückfallrisiko eher senken könnte; hochwertige klinische Studien fehlen allerdings. Als unbedenklich gelten moderate Mengen üblicher Sojalebensmittel — ein bis zwei Portionen täglich mit etwa fünfundzwanzig bis fünfzig Milligramm Isoflavonen. Fachgesellschaften raten Brustkrebspatientinnen weder ab noch zu.

Und jetzt der Punkt, an dem sich die Wege trennen: Für isolierte Isoflavone in Nahrungsergänzungsmitteln gilt etwas anderes. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät Frauen mit hormonabhängigem Brustkrebs ausdrücklich davon ab, weil die Sicherheit dort nicht ausreichend geklärt ist.

Der deutsche Verdacht hat sich also am Tofu festgesetzt, während die eigentliche Vorsicht der Kapsel gilt. Genau verkehrt herum.

Wenn es doch ein Präparat sein soll

Für isolierte Isoflavone gibt es Orientierungswerte, die in kaum einer Produktwerbung auftauchen. Die EFSA nennt höchstens hundert Milligramm pro Tag bei Soja-Isoflavonen und höchstens dreiundvierzigeinhalb Milligramm bei Rotklee-Isoflavonen. Dazu kommt eine Begrenzung der Anwendung auf höchstens drei Monate.

Wie ernst der Markt das nimmt, hat die Verbraucherzentrale in einem Marktcheck untersucht. Bei der ersten Erhebung überschritten vierundsechzig Prozent der geprüften Produkte diese Werte. In der Nachuntersuchung von 2024 waren es immer noch einundvierzig Prozent. Der Hinweis auf die begrenzte Anwendungsdauer fehlte bei zweiundachtzig Prozent der Isoflavon-Produkte.

Ein Blick auf die Packung beantwortet beide Fragen in einer Minute — die Menge pro Tagesdosis und den Hinweis zur Dauer. Bei knapp der Hälfte der Produkte fällt die Antwort ungünstig aus.

Warum dieselbe Kapsel bei zwei Frauen unterschiedlich ankommt

Es gibt einen Grund, warum Erfahrungsberichte zu Isoflavonen so weit auseinandergehen, und er liegt im Darm.

Daidzein entfaltet seine stärkste Wirkung erst, wenn Darmbakterien es in Equol umbauen. Diese Bakterien besitzt in Europa nur etwa jede dritte Frau; in Ostasien liegt der Anteil deutlich höher. Wer zu dieser Gruppe gehört, spricht bei identischer Einnahme messbar besser an als der Rest.

Dieser Unterschied erklärt einen guten Teil der widersprüchlichen Studienergebnisse. Wenn in einer Untersuchung zwei Drittel der Teilnehmerinnen den entscheidenden Umbauschritt gar nicht vollziehen können, verwässert das jeden Mittelwert.

Praktisch bedeutet das: Ob Isoflavone für Dich taugen, lässt sich vorher schlecht sagen. Tests auf den Equol-Status existieren, spielen im Alltag aber kaum eine Rolle. Der brauchbarere Weg führt über einen begrenzten Versuch mit festem Endpunkt.

Der Blick der chinesischen Medizin

Soja und Rotklee gehören nicht zum klassischen Arzneischatz der chinesischen Medizin. Für Soja stimmt das allerdings nur halb.

Dan Dou Chi, die fermentierte schwarze Sojabohne, ist eine anerkannte Arznei der chinesischen Materia Medica. Eingesetzt wird sie, um das Äußere zu befreien und Unruhe bei Hitze zu lösen — von Hormonen ist dabei nirgends die Rede.

Noch aufschlussreicher ist Ge Gen, die Wurzel der Kudzu-Pflanze. Sie ist außergewöhnlich reich an Isoflavonen, darunter Puerarin und dasselbe Daidzein, das auch in der Sojabohne steckt. In der chinesischen Medizin wird sie bei Verspannung im Nacken- und Schulterbereich, bei Durst und bei Wind-Hitze verwendet.

Dieselben Substanzen also, eine völlig andere Begründung. Wer die chinesische Materia Medica nach Phytoöstrogenen durchsucht, findet sie — beschrieben nach Geschmack, Temperaturverhalten und Leitbahnbezug, ohne jeden Bezug zu Rezeptoren.

Ein praktischer Nebenaspekt daran: Dan Dou Chi ist fermentiert, und auch in Ostasien wird Soja überwiegend fermentiert gegessen — als Miso, Natto oder Tempeh. Die Fermentation verändert die Form, in der die Isoflavone vorliegen, und erleichtert ihre Aufnahme. Der westliche Vergleich zwischen asiatischer Ernährung und einer Isoflavon-Kapsel hinkt schon deshalb.

Was Du daraus mitnehmen kannst

Wenn Du Isoflavone über die Ernährung aufnehmen möchtest, sind fermentierte Sojaprodukte der Weg, der der asiatischen Praxis am nächsten kommt. Tofu, Sojajoghurt, Edamame gehören dazu, Miso und Tempeh besonders.

Wenn es ein Präparat sein soll, prüfe die Isoflavonmenge pro Tagesdosis und plane von vornherein eine Begrenzung auf drei Monate ein.

Wenn Du eine hormonabhängige Krebserkrankung hattest oder hast, gehört diese Entscheidung in Deine ärztliche Behandlung — für isolierte Isoflavone gibt es dort eine klare Empfehlung.

Und wenn Dir jemand Rotklee als die sanftere Alternative zu Soja verkauft: Das ist eine Erzählung über Herkunft, keine über Wirkung.

Zum Schluss

Bei kaum einem anderen Thema liegen öffentliche Wahrnehmung und Datenlage so weit auseinander. Die Pflanze mit den meisten Untersuchungen im Rücken gilt als verdächtig, die mit den wenigsten als sanft.

Für Dich heißt das vor allem eines: Die Frage nach Soja oder Rotklee führt weniger weit als die Frage nach Lebensmittel oder Kapsel. Dort liegt der Unterschied, der wirklich zählt.

Über den Autor

Mourad Bihman

Mourad Bihman

Heilpraktiker seit 2002 und hat Chinesische Medizin in Europa und Asien studiert. Über fünfzehn Jahre eigene Praxis in Berlin, dazu Tätigkeit als Ausbilder und Seminarleiter für Chinesische Medizin. Er lebt mit Rasa Loga in der Lauenburgischen Seenlandschaft und ist Mitinhaber einer Manufaktur für pflanzliche Extrakte und Tinkturen.

→ Mehr über den Autor

Transparenzhinweis: Ich stelle mit den Mondkräutern selbst zwei Kräuterbitter her, in denen unter anderem Mönchspfeffer und Frauenmantel enthalten sind. Ich schreibe hier also auch über Pflanzen, die in meinen eigenen Rezepturen vorkommen. Ich halte es für richtig, dass Du das weißt, wenn Du meine Einschätzungen liest.

Quellen

  • Verbraucherzentrale: Rotklee-Isoflavone für die Menopause?
  • Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Soja und Brustkrebs.
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: Isolierte Isoflavone sind nicht ohne Risiko.
  • Verbraucherzentrale: Marktcheck – Isoflavone für die Wechseljahre.
  • Bensky D, Clavey S, Stöger E: Chinese Herbal Medicine – Materia Medica. 3. Auflage, Eastland Press, Seattle 2004.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende Dich bitte an Deine Ärztin oder Deinen Arzt.

← Zurück zum Blog

Wissenswertes aus der Natur für deinen Weg

Ein paar Mal im Jahr schicke ich dir Pflanzenwissen, Impulse und Neues von Frauenwandel. Jederzeit abbestellbar.