In fast jeder Liste mit Hausmitteln für die Wechseljahre stehen diese drei nebeneinander. Das legt nahe, sie gehörten zusammen und man könne sie gegeneinander austauschen.
Tatsächlich haben sie kaum etwas gemeinsam. Andere Inhaltsstoffe, andere Zielbeschwerden, sehr unterschiedliche Datenlage. Eine davon hat in Großbritannien sogar ihre Arzneimittelzulassung verloren, eine andere ist die am besten untersuchte Heilpflanze dieses Textes — und ausgerechnet die wird am häufigsten missverstanden.
Frauenmantel: ein Name aus der Alchemie
Die Geschichte des Frauenmantels beginnt mit Wassertropfen. Am Morgen sammelt sich in der trichterförmigen Blattmitte Flüssigkeit, die die Pflanze selbst über die Blattränder ausscheidet. Mittelalterliche Alchemisten schrieben diesen Tropfen besondere Kräfte zu und nannten die Pflanze danach: Alchemilla, wahrscheinlich vom arabischen al-kimiya, der Alchemie.
Der deutsche Name Frauenmantel bezieht sich auf die Form der Blätter. Beide Namen tragen bis heute einen guten Teil des Rufs dieser Pflanze — und keiner von beiden sagt etwas über eine hormonelle Wirkung.
Was tatsächlich enthalten ist: Gerbstoffe, vor allem Ellagitannine, dazu Flavonoide. Gerbstoffe wirken zusammenziehend, sie verdichten Schleimhautoberflächen. Daraus ergibt sich auch das einzige Anwendungsgebiet, für das eine offizielle Monographie vorliegt.
Die Kommission E erkannte 1986 leichte unspezifische Durchfallerkrankungen an. Der europäische Fachverband ESCOP nennt darüber hinaus Magen-Darm-Beschwerden und Regelschmerzen, gestützt auf lange Anwendungserfahrung. Beim HMPC, dem Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der europäischen Arzneimittelagentur, ist Frauenmantel bis heute nicht bewertet.
Der Ruf als Frauenkraut ruht also auf Tradition und auf zwei Namen. Für die Perimenopause bleibt ein plausibler Bereich: Wenn Blutungen stärker werden, passt eine zusammenziehende Pflanze zu dem, was man sich davon erhofft. Bewiesen ist das nicht, und für Hitzewallungen gibt es keinen erkennbaren Ansatzpunkt.
Nachtkerzenöl: bekannt, beliebt, geprüft
Nachtkerzenöl liefert Gamma-Linolensäure, eine Fettsäure, aus der der Körper bestimmte entzündungsregulierende Botenstoffe bildet. Diese Überlegung klingt schlüssig und hat der Pflanze ihre Popularität verschafft.
Die Prüfung fiel anders aus. Zu Hitzewallungen in den Wechseljahren liegt eine kleine Untersuchung mit sechsundfünfzig Teilnehmerinnen vor; sie fand gegenüber einem Scheinpräparat keinen Vorteil. Für Brustspannen wurden vier Studien zusammengefasst, ebenfalls ohne signifikanten Unterschied zum Scheinpräparat.
Am deutlichsten wird es an einem Vorgang, der in der Pflanzenheilkunde selten ist. In Großbritannien war Nachtkerzenöl unter den Namen Epogam und Efamast als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen. Im Jahr 2002 wurde diese Zulassung zurückgezogen, weil die Wirksamkeitsnachweise fehlten.
Ein Mittel verliert seine Arzneimittelzulassung und wird als Nahrungsergänzungsmittel weiterverkauft — mit demselben Öl und ähnlichen Versprechen, nur unter einem Regelwerk, das keinen Wirksamkeitsnachweis verlangt. Wer verstehen will, warum die Regale so aussehen, wie sie aussehen, findet hier ein Lehrstück.
Wo Frauen am ehesten etwas berichten, ist die Haut: Trockenheit, Spannungsgefühl. Dafür gibt es eine gewisse Datenbasis bei Ekzemen, wenn auch eine bescheidene.
Johanniskraut: wirkt, aber an einer anderen Stelle
Johanniskraut ist die am gründlichsten untersuchte Pflanze dieses Artikels und die einzige mit einer Monographie für gesicherte Anwendung.
Das HMPC führt es für die Behandlung leichter bis mittelschwerer depressiver Episoden. Die Wirkung setzt innerhalb von etwa vier Wochen ein; die Tagesdosen der geprüften Trockenextrakte liegen zwischen sechshundert und achtzehnhundert Milligramm. Für die traditionelle Anwendung kommen nervöse Unruhe, Schlafstörungen und psychische Erschöpfung hinzu, dort als Aufguss.
Damit ist auch gesagt, wo es nicht wirkt. Johanniskraut greift in die Stimmungsregulation ein und hat mit dem Hormonhaushalt nichts zu tun. Viele Frauen nehmen es trotzdem in der Erwartung eines hormonellen Effekts, weil es in denselben Listen steht wie die beiden anderen.
Der eigentliche Punkt: Gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und schlechter Schlaf gehören zu den belastendsten Begleitern dieser Jahre. Für diese Beschwerden ist Johanniskraut eine ernstzunehmende Option — für genau das, was es tatsächlich tut.
Die Stelle, an der es ernst wird
Bei Johanniskraut gehört ein Punkt dazu, den ich hier bewusst mit aufnehme.
Der Extrakt steigert die Aktivität mehrerer Enzymsysteme, über die der Körper Medikamente abbaut — P-Glykoprotein sowie CYP3A4, CYP2C9 und CYP2C19. Dadurch verlieren andere Wirkstoffe an Wirkung. Ciclosporin, Tacrolimus, Protease-Inhibitoren, Irinotecan und Warfarin dürfen deshalb nicht gleichzeitig eingenommen werden. Bei hormonellen Verhütungsmitteln kann es zu Zwischenblutungen und zu einer unsichereren Verhütung kommen. Zusammen mit bestimmten Antidepressiva, mit Buspiron oder mit Migränemitteln aus der Triptan-Gruppe sind serotonerge Wechselwirkungen möglich.
Diese Liste ist der beste Beleg dafür, dass die Pflanze etwas tut. Ein Mittel ohne Wechselwirkungen ist oft ein Mittel ohne Wirkung. Wenn Du regelmäßig Medikamente nimmst, gehört Johanniskraut in ein kurzes Gespräch in der Apotheke — es dauert fünf Minuten und beantwortet die Frage abschließend.
Drei Pflanzen, drei verschiedene Baustellen
Zusammengefasst: Frauenmantel arbeitet über Gerbstoffe, betrifft am ehesten die Blutung und stützt sich auf Tradition. Nachtkerzenöl liefert eine Fettsäure, hat bei den geprüften Beschwerden nichts gezeigt und seine Arzneimittelzulassung verloren. Johanniskraut wirkt auf die Stimmung, ist gut belegt und bringt eine ernstzunehmende Wechselwirkungsliste mit.
Das Einzige, was die drei verbindet, ist das Regal, in dem sie stehen.
Die chinesische Gegenprobe: Dang Gui
Die chinesische Medizin hat ihr eigenes Frauenkraut, und der Vergleich lohnt sich, weil er zeigt, wie unterschiedlich zwei Traditionen dieselbe Aufgabe angehen.
Angelica sinensis, chinesisch Dang Gui, gilt als süß und scharf im Geschmack, warm im Temperaturverhalten und wirkt auf Leber, Herz und Milz. Zugeordnet wird sie einer Kategorie, für die es im westlichen Denken keine Entsprechung gibt: Sie nährt und bewegt das Xue, das Blut im Sinne der chinesischen Medizin.
Der Unterschied zur europäischen Zuordnung ist grundsätzlich. Frauenmantel wird über eine Beschwerdegruppe definiert — Frauenleiden. Dang Gui wird über eine Funktion definiert, und diese Funktion betrifft Männer genauso. Sie landet trotzdem in vielen Frauenrezepturen, weil dort häufig Muster auftreten, auf die diese Funktion passt.
Und auch hier gilt: Allein wird Dang Gui selten gegeben. Sie steht in Zusammenstellungen wie der Vier-Substanzen-Abkochung, wo drei weitere Pflanzen ihre Wärme und ihre Bewegung ausbalancieren.
Was Du daraus mitnehmen kannst
Frauenmanteltee gilt traditionell als gut verträglich. Bei stärkeren oder veränderten Blutungen gehört die Abklärung in ärztliche Hände. Erwarte nichts davon bei Hitzewallungen.
Nachtkerzenöl lohnt am ehesten, wenn trockene Haut Dein Thema ist. Für Hitzewallungen und Brustspannen halte die Erwartung niedrig; genau dort wurde es geprüft.
Johanniskraut ist die Option, wenn die Stimmung im Vordergrund steht. Plane vier Wochen ein, achte auf ausreichende Dosierung und kläre Deine Medikamentenliste ab.
Und wenn Du überlegst, alle drei gleichzeitig zu nehmen, weil sie in derselben Liste standen: Das wären drei Versuche auf drei verschiedenen Baustellen, von denen Du hinterher keinen einzeln beurteilen kannst.
Zum Schluss
Diese drei Pflanzen in einem Atemzug zu nennen, ist der eigentliche Fehler der gängigen Ratgeberlisten. Sie führen zu der Annahme, es gebe eine Gruppe von Wechseljahreskräutern, aus der man sich beliebig bedienen kann.
Nützlicher ist die umgekehrte Reihenfolge: Erst benennen, was Dich am meisten stört, und dann schauen, welche Pflanze dort überhaupt ansetzt. Bei zwei der drei ist die Antwort schnell gefunden. Bei der dritten lohnt ein Gespräch in der Apotheke.
Über den Autor
Mourad Bihman
Heilpraktiker seit 2002 und hat Chinesische Medizin in Europa und Asien studiert. Über fünfzehn Jahre eigene Praxis in Berlin, dazu Tätigkeit als Ausbilder und Seminarleiter für Chinesische Medizin. Er lebt mit Rasa Loga in der Lauenburgischen Seenlandschaft und ist Mitinhaber einer Manufaktur für pflanzliche Extrakte und Tinkturen.
Transparenzhinweis: Ich stelle mit den Mondkräutern selbst zwei Kräuterbitter her, in denen unter anderem Mönchspfeffer und Frauenmantel enthalten sind. Ich schreibe hier also auch über Pflanzen, die in meinen eigenen Rezepturen vorkommen. Ich halte es für richtig, dass Du das weißt, wenn Du meine Einschätzungen liest.
Quellen
- Arzneipflanzen-Lexikon: Frauenmantel – Alchemilla vulgaris.
- Bayles B, Usatine R: Evening Primrose Oil. American Family Physician 2009;80(12):1405–1408.
- European Medicines Agency, HMPC: Monographien zu Hypericum perforatum L., herba.
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Bescheid zum Stufenplanverfahren Johanniskraut.
- Bensky D, Clavey S, Stöger E: Chinese Herbal Medicine – Materia Medica. 3. Auflage, Eastland Press, Seattle 2004.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende Dich bitte an Deine Ärztin oder Deinen Arzt.